Blick hin­ter his­to­ri­sche Kulis­sen: Abde­ckung von Defek­ten im Hart­gewebe­bereich des Kop­fes

Eine Kra­nio­plas­tie beschreibt den Ersatz von eige­nem Schä­del­kno­chen zur Abde­ckung eines Defek­tes, um so Funk­ti­on und Ästhe­tik wie­der­her­zu­stel­len.

In den letz­ten 400 Jah­ren wur­den eini­ge Tech­ni­ken und Mate­ria­li­en zur Schlie­ßung von Kra­ni­al­de­fek­ten ange­wen­det. Ein nicht veri­fi­zier­ter Schä­del mit ent­hal­te­ner Metall­plat­te, der im Muse­um für Kno­chen­kun­de in Okla­ho­ma aus­ge­stellt ist, sug­ge­riert, dass die­se Pra­xis bereits vor tau­sen­den von Jah­ren (evtl. zur Zeit des anti­ken Perus) Anwen­dung fand.

In der Anti­ke und im Mit­tel­al­ter waren Tre­pan­a­tio­nen, also das Boh­ren eines Lochs in den Schä­del­kno­chen, eine übli­che Behand­lung nach star­ken Schä­del­trau­ma­ta, Gewalt­ein­wir­kung durch Waf­fen, Tier­an­grif­fen oder Unfäl­len. Sie [die Tre­pan­a­ti­on] soll­te Zugang zu den Schä­del­kno­chen­frag­men­ten geben und Blu­tun­gen unter dem Schä­del­kno­chen ablau­fen las­sen. Man glaub­te jedoch auch, dadurch böse Geis­ter zu exor­zie­ren, wel­che für „abnor­ma­les Ver­hal­ten“ oder „Wahn­sinn“ ver­ant­wort­lich wären. Man ver­mu­tet, dass die­se Tre­pan­a­tio­nen erstaun­lich nied­ri­ge Mor­ta­li­täts­ra­ten von unter 10 % in Abwe­sen­heit von Anti­bio­ti­ka und Ste­ri­li­täts­maß­nah­men hat­ten.

Historischer Schädelfund mit Trepanationsöffnung

Aller­dings hin­ter­lie­ßen die­se Pro­ze­du­ren dau­er­haf­te Defek­te und das Hirn ver­wund­bar, da die Fehl­stel­le ab einer kri­ti­schen Grö­ße nie voll­stän­dig zuwächst. Berich­te über die zuvor erwähn­te anti­ke perua­ni­sche Gesell­schaft, deu­ten dar­auf hin, dass neben Metal­len auch die Ver­wen­dung von Palm­blät­tern oder Kokos­nuss­scha­len als Abde­ckung genutzt wur­den. Man geht davon aus, dass die Wahl des Mate­ri­als mit dem gesell­schaft­li­chen Sta­tus des Pati­en­ten zusam­men­hing.

Die ers­te über­lie­fer­te Beschrei­bung einer Kra­nio­plas­tie in Euro­pa stammt aus dem 16. Jahr­hun­dert. Gabrie­le Fallo­pi­us schil­dert dar­in, dass Schä­del­kno­chen­frag­men­te zusam­men­ge­führt und wie­der­ein­ge­setzt wer­den sol­len. Soll­te die Dura jedoch eine Ver­let­zung auf­wei­sen, sol­len die Frag­men­te ent­fernt und zusam­men mit einer Gold­plat­te wie­der­ein­ge­setzt wer­den.

Die ers­te doku­men­tier­te Kra­nio­plas­tie unter Nut­zung von Hun­de­schä­del­kno­chen wur­de 1668 vom nie­der­län­di­schen Chir­urg Job van Mee­ke­ren an einem rus­si­schen Staats­bür­ger durch­ge­führt. Da dem Pati­en­ten die Exkom­mu­ni­ka­ti­on droh­te, muss­te er Russ­land ver­las­sen, da die Kir­che über die­se Art Ein­griff empört war.

Im All­ge­mei­nen ste­hen für den Ver­schluss von Defek­ten meh­re­re Mate­ri­al­op­tio­nen zur Ver­fü­gung. Dar­un­ter befin­den sich der Eigen­kno­chen des Pati­en­ten (Auto­trans­plan­ta­te), Tier­kno­chen (Allo­trans­plan­ta­te), orga­ni­sche Poly­me­re, Metal­le oder Kera­mi­ken (Allo­plas­ten) mit den jeweils indi­vi­du­el­len Eigen­schaf­ten und Vor­tei­len. Wäh­rend Eigen­kno­chen auf­grund von Bio­kom­pa­ti­bi­li­tät, Infek­ti­ons­re­sis­tenz, Stär­ke und Elas­ti­zi­tät bevor­zugt wird, liegt der Haupt­nach­teil in der Ver­füg­bar­keit des Mate­ri­als. Kno­chen zum Schlie­ßen eines Defekts muss von ande­ren Regio­nen des Kör­pers – z. B. Schul­ter oder Hüf­te – abge­tra­gen wer­den. Das Abtra­gen von Eigen­kno­chen für die Ver­wen­dung an ande­rer Stel­le erfor­dert jedoch auto­ma­tisch eine sekun­dä­re Ope­ra­ti­on am Pati­en­ten, wel­che wei­te­re Risi­ken wie Donor-Stel­len-Kom­pro­mit­tie­rung, Schmer­zen, ver­län­ger­te Anäs­the­sie und Ope­ra­ti­ons­zei­ten, schlech­te Form­bar­keit und Ver­füg­bar­keit birgt, eben­so wie zusätz­li­ches Infek­ti­ons­ri­si­ko.

Alter­na­tiv wur­den frü­her Tier­kno­chen ver­wen­det, was jedoch ein erhöh­tes Risi­ko für über­trag­ba­re Krank­hei­ten und Immun­ab­sto­ßun­gen mit sich bringt. Die­se Opti­on wur­de bereits frü­her prak­ti­ziert, war jedoch auf­grund der Res­sour­cen­knapp­heit und der zer­stö­re­ri­schen Natur der Krie­ge des 20. Jahr­hun­derts beson­ders im Ers­ten Welt­krieg ver­brei­tet.

Heut­zu­ta­ge stam­men Schä­del­kno­chen­de­fek­te meis­tens von Kra­ni­ek­to­mien, Tre­pan­a­tio­nen, Schä­del­trau­ma­ta, Infek­tio­nen oder Krebs­re­sek­tio­nen. Die funk­tio­nel­len und ästhe­ti­schen Defek­te kön­nen erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Lebens­qua­li­tät der Betrof­fe­nen haben und maß­geb­lich das Selbst­be­wusst­sein beein­träch­ti­gen. Eine brei­te Palet­te an Mate­ria­li­en, gekop­pelt mit neu­ar­ti­ger Tech­no­lo­gie, kann heu­te für tau­sen­de Betrof­fe­ne mit ihren indi­vi­du­ell kom­ple­xen Fäl­len Abhil­fe schaf­fen oder zumin­dest eine deut­li­che Ver­bes­se­rung leis­ten. Doch wel­che Mate­ria­li­en wer­den heu­te ver­wen­det und wie­so hat sich die Medi­zin­tech­nik zu die­sen Mate­ria­li­en hin ent­wi­ckelt? Die­se Fra­gen wer­den wir im nächs­ten Arti­kel umrei­ßen. [03/2026 NK]

Quel­len

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